Ian McEwan. Der Zementgarten.
Einleitung
Ian McEwan wurde 1948 im britischen Militärstützpunkt Aldershot geboren. Sein Vater war ein schottischer Major und infolge seiner Versetzungen wuchs Ian McEwan in Singapur und Libyen auf.
Verschwiegen sollen auch nicht die Plagiatsvorwürfe gegen den 1978 erschienen Roman. Der Autor Julian Gloag warf Ian McEwan vor, seinen Roman Our Mother’s House von 1963 plagiiert zu haben.1,2 Diesen Vorwurf wies Ian McEwan zurück.
Inhalt
Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner körperlichen Entwicklung zusammenfiel.5
Der erste Satz nennt die zentralen Motive des Romans: Tod und Sexualität. Er stammt von dem vierzehnjährigen pubertierenden Jack, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird.
Er wohnt mit seinen Eltern, seiner jüngeren Schwester Sue, dem jüngerem Bruder Tom und der zwei Jahre älteren Schwester Julie, isoliert am Rande der Stadt in einer öden Landschaft. Das Hobby seines Vaters ist die Pflege eines Gartens. Nach einem Herzinfarkt bedeckt der Vater den Garten mit einer gleichmäßigen Zementschicht und stirbt beim Herstellen des Zements. Der Vater wird als jähzorniger, verbohrter und schwächlicher Mann beschrieben. Die Familie reagiert auf den Tod des Vaters mit verhaltener Trauer und Gleichgültigkeit.
Dann erkrankt die Mutter und stirbt. Die Jugendlichen trauern um den Tod ihrer Mutter und doch entscheiden sie sich für ein merkwürdiges Begräbnis. Um nicht in einem Heim untergebracht und getrennt zu werden, betonieren sie die Leiche der Mutter mit dem noch vorhandenen Zement im Keller ein. Trotz der Trauer verliert für die Jugendlichen der Tod seinen Schrecken. Sie zeigen im Umgang mit der Leiche ihrer Mutter keinerlei Angst oder Hilflosigkeit.
Nach dem Tod der Eltern geht das Leben ganz normal weiter. Es geschieht nichts Dramatisches. Die älteste Julie übernimmt das Kommando in der Familie und die Rolle als Mutter. Vor allem übernimmt sie für den jüngsten Tom die Mutterrolle. Zwischen Jack und seiner Schwester entsteht ein Konflikt um die Führung in der Familie. Heimlich bewundert Jack seine selbstbewusste Schwester, die in der Leichtathletikmannschaft ihrer Schule Rekorde im Laufen aufstellt.
Einerseits entwickeln die Kinder ein starkes Gruppengefühl mit keinerlei sozialen Kontakten außerhalb ihrer Gruppe und leben isoliert von der Außenwelt.

Es war eine unausgesprochene Familienregel, daß keiner von uns je Freunde nach Hause brachte.3
Dies trifft besonders auf Jack zu
Ich war mit niemand in der Schule eng befreundet.4
Obwohl die Kinder zusammenleben, geht jeder seine eigenen Wege und die sozialen Kontakte untereinander sind minimiert. Jack befällt nach dem Tod seiner Mutter eine „innere Leere“. Er vertrödelt seine Zeit und lebt orientierungslos in den Tag hinein. Sue zieht sich auf ihr Zimmer zurück und führt ihr Tagebuch weiter. Der jüngste Tom findet einen Spielkameraden, mit dem er Vater und Mutter spielt, um den Verlust seiner Eltern zu verarbeiten.
In diese isolierte Gruppe tritt Greg ein, den Julie kennenlernt. Vor seinem ersten Besuch reinigen die Jugendlichen gemeinsam die verdreckte Wohnung. Jack empfindet Greg als Störenfried und ist eifersüchtig. Greg wird sehr schnell klar, in diesem Haus stimmt etwas nicht. Er verfolgt über die Freundschaft mit Julie eigene Ziele. Er möchte aus der Wohnung seine Mutter ausziehen und in das Haus der Jugendlichen einziehen.
Dieses möchte Julie nicht, weil sie befürchtet, ihre Führungsrolle zu verlieren, und sie empfindet Greg als Fremdkörper innerhalb der Gruppe.
Er will mit von der Familie sein, du weißt, der große kluge Daddy. Er geht mir allmählich auf die Nerven6
Der Roman endet dramatisch. Greg überrascht Jack mit seiner Schwester beim Inzest. Greg alarmiert die Polizei. Die Jugendlichen warten gemeinsam und gelassen in der Wohnung auf die Polizei.

Zusammenfassung
Ein Roman, der Leser mit seinen Inhalten und Themen schockiert. Ein Roman, der sich liest wie ein Film. Das Einbetonieren der toten Mutter ist eine filmreife Szene und tatsächlich wurde der Roman 1993 in der Hauptrolle mit Charlotte Gainsbourg verfilmt.
Ein Roman für Leser, die an psychologischen Themen interessiert sind, und es gibt auch psychoanalytische Interpretationen für das Verhalten der Jugendlichen9. Ein Roman, der die Ausnahmesituation einer Gruppe beschreibt. Jugendliche, die innerhalb der Gesellschaft isoliert leben. Nach außen hat die Gruppe wenig soziale Kontakte. Sie ist nicht fähig, bestehende Kontakte aufrechtzuerhalten oder Außenstehende in die Gruppe zu integrieren.
Popmusik: Madonna – What It Feels Like for a Girl
In dem Roman findet ein interessanter Dialog zwischen Julie, Sue und Jack statt. Der jüngste Tom möchte sich wie ein Mädchen anziehen, um nicht mehr verprügelt zu werden. Julie und Sue unterstützen diesen Wunsch. Jack ist entsetzt und will den Wechsel der Geschlechterrolle seines jüngeren Bruders verhindern. Julie und Sue unterstellen ihrem Bruder, dass er Mädchen für minderwertig hält und Julie wendet sich mit folgenden Worten an Jack
Mädchen können Jeans anhaben und sich die Haare kurz schneiden und in Hemdsärmeln und Stiefeln herumlaufen, weil es okay ist, wie ein Junge zu sein, für Mädchen ist das wie eine Beförderung. Aber wenn ein Junge wie ein Mädchen aussieht, dann ist das erniedrigend, wie du sagst, weil du heimlich meinst, es ist entwürdigend, ein Mädchen zu sein. Wieso könntest du sonst finden, es wäre eine Erniedrigung für Tom, wenn er einen Rock trägt.7
In dem Film Der Zementgarten übernimmt Charlotte Gainsbourg den Text aus dem Roman in einer abgewandelten Form
Girls can wear jeans
And cut their hair short
Wear shirts and boots
Because it′s OK to be a boy
But for a boy to look like a girl is degrading
‚Cause you think that being a girl is degrading
But secretly you′d love to know what it’s like
Wouldn’t you?
What it feels like for a girl8
Mit diesem Monolog von Charlotte Gainsbourg beginnt der Song What It Feels Like for a Girl von Madonna.
Der Song erschien 2000 auf Madonnas achten Studioalbum Music 2, und enthält einige schöne Songs (I Deserve It, Don’t Tell Me, Nobody’s Perfect ). Produziert wurde das Album von Mirwais Ahmadzaï einem Produzenten für elektronische Musik und bei dem ersten Stück Music überwiegt ein elektronischer Rhythmus. Der Song What It Feels Like for a Girl ist ein Synthiepop-Song.
Das Musikvideo wurde von dem Regisseur und ihrem damaligen Ehemann Guy Ritchie gedreht. Madonna spielt einen gewalttätigen „weiblichen Macho“. Der Song zu dem Video ist ein Remix der Elektroband Above & Beyond.
Im Gegensatz zur Gewalt zeigt die Hauptfigur auch ein soziales Verhalten. Einer Kellnerin in einem prekären Arbeitsverhältnis schenkt sie ein Teil des geklauten Geldes. Das Video ist eine Amokfahrt und ein Rachefeldzug gegen die männliche Gewalt und die Männer dominierte Gesellschaft. Am Ende des Videos zerstört sie das Auto, ein Statussymbol und ein Symbol für Männlichkeit.
Dieses Video wurde wegen der Gewaltdarstellung auf MTV nicht vor 21 Uhr gezeigt.2 Journalisten kritisierten die Doppelmoral von MTV, die gewalttätige Videos von männlichen Sängern tolerierten2. Für MTV war verstörend, dass in dem Video sich die Gewalt einer Frau gegen Männer richtet.
Im Widerspruch zu den gewalttätigen Szenen steht der Beginn des Songs. Er beschreibt klischeehaft eine schöne Frau
Silky smooth
Lips as sweet as candy, baby
Tight blue jeans8
Im Kontrast dazu wird die Haut beschrieben. Mit blauen Flecken übersät? Eine geschlagene Frau?
Skin that shows in patches8
Eine schöne Frau, die sich ihrer persönlichen Stärken nicht bewusst ist und ihre Möglichkeiten nicht nutzt. Die sich nicht traut, ihre Wünsche zu artikulieren und deshalb schwach erscheint, wie es die Männer dominierte Gesellschaft verlangt.
Strong inside, but you don’t know it
Good little girls, they never show it
When you open up your mouth to speak
Could you be a little weak?8
Es schließt sich der Refrain mit der Frage an den Zuhörer an, ob sie wissen, wie sich Frauen in dieser Gesellschaft fühlen
Do you know what it feels like for a girl?
Do you know what it feels like in this world
For a girl?8
In der zweiten Strophe wird das oben beschriebene Schema wiederholt.
1) Guardian. Warning: the words you are about to read may be stolen. Robert McCrum
Sun 3 Dec 2006 00.30 GM. Abgerufen am 17. Februar 2023.
2) Wikipedia. What It Feels Like for a Girl. Abgerufen am 17. März 2023.
Ian McEwan. Der Zementgarten. Süddeutsche Zeitung. Bibliothek. 2004. Aus dem Englischen übersetzt von einer studentischen Arbeitsgruppe des Instituts für englische Philologie an der Universität München. Gruppenleitung und Endredaktion: Christian Enzensberger.
3) ebenda S. 16
4) ebenda S. 17
5) ebenda S. 5
6) ebenda S. 123
7) ebenda S. 42
8) Genius. What It Feels Like for a Girl. Abgerufen am 17. März 2023.
9) Everything2. A Psychoanalytic Interpretation of Ian McEwan’s ‚The Cement Garden‘. by mpwa. Tue Mar 09 2004 at 18:32:16. Abgerufen am 24. März 2023.
Washington Citypaper. One Song: Madonna’s ‘What It Feels Like For A Girl’. by Chad Clark January 10th, 2019. Abgerufen am 24. März 2023.
Seminar: Popkultur und Postmoderne. Datum: 29.07.2002. Abgerufen am 24. März 2023.
Sebastian Schürmann , 2011 Videoanalyse von Madonnas Song „What it feels like for a girl“ aus feministischer Perspektive, München, GRIN Verlag. Abgerufen am 24. März 2023.