3. April 2025
Foto: Udo Weier

Manja Präkels. Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß.

Gleich der erste Satz haut einen um

Vielleicht hat mir Hitler das Leben gerettet, damals.1

Mimi und Oliver vertreiben sich die langweiligen Familienfeiern mit dem heimlichen Naschen von Schnapskirschen. Oliver wird in die rechtsradikale Szene abdriften und sich Hitler nennen. Nach vielen Jahren sehen sich beide wieder. Oliver verlor seine Führungsposition in der rechtsradikalen Szene und dealt jetzt mit Drogen. Nach diesem Treffen erinnert sich Mimi an ihre Kindheit und Jugend.
Mimi wird in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geboren. Sie wächst in einer Großfamilie, in einem kleinen Dorf an der Havel, in Brandenburg auf. Freundet sich mit Oliver an, mit dem sie an der Havel angelt und spielt. Sie erlebt eine idyllische Kindheit, in der nichts Außergewöhnliches geschieht und sich nicht von der schönen Kindheit anderer Kinder unterscheidet. Nur manchmal fehlten Schüler in ihrer Klasse, weil sie „Rüberjemacht“ haben: Die Eltern sind in die Bundesrepublik geflohen.
Mit den politischen Ansprüchen ihres Staates wird sie zum ersten Mal konfrontiert, als Mitglied der politischen Kinderorganisation (Thälmann Pioniere) und der Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche  Jugend). Dies ermöglicht ihr als Schülerin zu Sportveranstaltungen in das sozialistische Ausland zureisen. 1989 wird sie abkommandiert für den Fackelzug der FDJ in Ostberlin, 40 Jahre DDR. (1989). Beim Vorbeimarsch an der Tribüne mit den Ehrengästen erschallen Gorbi! Gorbi!  Sprechchöre. Nach dieser Zwangsveranstaltung nutzen die Jugendlichen ihren Freiraum und feiern mit Alkohol in einer Ostberliner Diskothek.
Nach dem Rücktritt Honeckers beschleunigt sich der Zusammenbruch der DDR. Nach der Maueröffnung ist Mimi überwältigt vom großen Warenangebot im Westen. Für ihre Mutter ist die politische Wende eine Katastrophe. Sie war Lehrerin und Funktionärin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Nach der politischen Wende geriet

die Welt der Erwachsenen aus den Fugen.2

Viele Unternehmen werden platt gemacht und viele Menschen verlassen die ehemalige DDR.
Mimis persönliche Orientierungslosigkeit ist ein Spiegelbild der chaotische Wendezeit. Sie bricht ihr Studium ab.

Hier war alles dahin und keine Zuflucht weit und breit3

Manja Präkels. Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Verbrecher Verlag 2017

Nur die Nazis organisierten sich sehr schnell. Ungläubig hört Mimi zum ersten Mal von Nazis in Leipzig.
Das ehemalige Jugendklubhaus ihres Ortes wird zu einem Treffpunkt der Glatzen, den Nazis. Die Nazis zeigen sich demonstrativ in der Öffentlichkeit und beherrschen die Straße, um Andersdenkende („Zecken“) einzuschüchtern und Angst zu verbreiten. Mittendrin ihr ehemaliger Freund Oliver, der sich jetzt Hitler nennt. Mimi und ihre Freunde werden von den Nazis bedroht und angegriffen. Der rechte Terror kulminiert in einem Angriff der Nazis auf ein alternatives Jugendzentrum, in dem sich Mimi aufhält. Bewaffnet mit Baseballschlägern schlagen die Nazis auf alles und jeden ein und ermorden einen Freund.15
Mimi verlässt mit leichten Herzen ihren Heimatort und geht nach Berlin. Alpträume verfolgen sie. Sie hat Angst, sich allein im öffentlichen Raum zu bewegen. Nach ihrer Rückkehr aus Berlin fängt sie bei der örtlichen Zeitung an, und arbeitet als Lokaljournalistin.

Zusammenfassung

Für diesen Roman erhält Manja Präkels 2018 den Jugendliteraturpreis und den Anna-Seghers-Preis.
Der Roman wurde von ihrer eigenen Biografie inspiriert. Sie erzählt vom Leben der Jugendlichen in der brandenburgischen Provinz in der Vor- und Nachwendezeit. Sie analysiert nicht die Ursachen des Rechtsradikalismus in den neuen Bundesländern, sondern beschreibt anschaulich die Bedrohung des einzelnen durch rechtsradikale Gruppen.
Der Roman ist in einer einfachen und gut lesbaren Sprache geschrieben.

Arbeitsemigranten in der DDR

Die DDR schloss ab den frühen 1960er Jahren mit verschiedenen Staaten Verträge über die Entsendung von Vertragsarbeitern ab5. Zunächst mit den sozialistischen „Bruderländern“ und später mit außereuropäischen Staaten (Vietnam). Diese Arbeitsemigranten blieben bis zu 6 Jahre in der DDR ohne den Anspruch auf Integration. Durch dieses Rotationsprinzip war ein Familiennachzug nicht vorgesehen.
Schwangere Frauen wurden in ihr Heimatland abgeschoben. Eingesetzt wurden die Arbeitsemigranten für monotone und unattraktive Arbeiten. Häufig lebten diese Arbeiter isoliert in Wohnheimen von der übrigen DDR Bevölkerung. Wegen des Arbeitskräftemangels waren die Vertragsarbeiter wichtig, um die marode Wirtschaft zu stützen. Bei diesen Arbeitsverhältnissen handelte es sich um Ausbeutung.
Gleichzeitig grenzte sich die DDR von der kapitalistischen Bundesrepublik mit einem eigenen Narrativ ab und produzierte ein positives Selbstbild: Sie bilde Menschen aus, die bei der Rückkehr in ihrem Land, einen wichtigen Beitrag zu Weiterentwicklung ihres Landes leisten, und in der sozialistischen DDR gäbe es keine Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in der DDR

Am 10. August 1975 kam es in der Erfurter Innenstadt zu rassistischen Ausschreitungen. In den Erfurter Betrieben arbeiteten algerische Vertragsarbeiter. Seit Monaten herrschten in der Stadt Gerüchte über angebliche Vergewaltigungen und Morde der algerischen Arbeiter. Kein Vorwurf entsprach der Wahrheit. Bei einem Stadtfest jagten junge Männer die Algerier durch die Stadt. Bewarfen sie mit Steinen und schlugen mit Stangen auf sie ein.
Am 12. August kommt es erneut zu Ausschreitungen. Randalierer versammeln sich vor dem Wohnheim und fordern die Herausgabe der Algerier. Es fliegen Steine und Sprechchöre fordern „totschlagen“6. Die Volkspolizei verhindert mit einem Knüppeleinsatz, dass der Mob das Wohnheim stürmt. Diese Ausschreitungen erinnern sehr stark an das Pogrom in der Nachwendezeit 1992 in Rostock Lichtenhagen vor einem Wohnheim mit vietnamesischen Vertragsarbeitern.
Bis zum Ende der DDR gab es 39 weitere rassistische Ausschreitungen. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer höher. Einige Ausschreitungen führten die DDR Behörden als Rowdytum auf. Manja Präkels schreibt in ihrem Roman

Die Leute auf der Straße hatten sich verändert. Kam etwas aus ihrem Inneren zum Vorschein, das zuvor verborgen geblieben war?4

Die Nazis tauchten nicht aus dem Nichts auf. Zwischen den rassistischen Ausschreitungen in der DDR und den rassistischen Ausschreitungen in der Nachwendezeit der DDR besteht eine Kontinuität. Für die Menschen in den alten Bundesländern besteht kein Grund zu Überheblichkeit. Erinnert sei an die rassistischen Brandanschläge in Solingen und Mölln.
Die schnelle Organisation von rechtsradikalen Strukturen in der DDR gelang mit Unterstützung aus den alten Bundesländern. Bestehende Strukturen wurden in die neuen Bundesländer exportiert.

NSU Terrorgruppe

Beate Zschäpe war Mitglied der rechtsradikalen Organisation NSU (Nationalsozialistischer Untergrund). Sie ermordeten zwischen 2000 und 2007 aus rassistischen Motiven 9 Migranten und eine Polizistin. Es fehlt hier der Platz, um die Versäumnisse und Ermittlungsfehler der Sicherheitsbehörden aufzulisten. Besonders die Vertuschungen der Sicherheitsbehörden führten zu einem Vertrauensverlust bei Bürgern mit einem nicht deutschen Pass.

Bei den Opfern handelt es sich um:13,14

Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors in Dortmund. Foto: Udo Weier.
Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors in Dortmund. Foto: Udo Weier.

Enver Şimşek, aus Schlüchtern, wurde am 9. September 2000 in Nürnberg ermordet,
Abdurrahim Özüdoğru, wurde am 13. Juni 2001 in Nürnberg ermordet,
Süleyman Taşköprü, wurde am 27. Juni 2001 in Hamburg ermordet,
Habil Kılıç, wurde am 29. August 2001 in München ermordet,
Mehmet Turgut, wurde am 25. Februar 2004 in Rostock ermordet,
İsmail Yaşar, wurde am 9. Juni 2005 in Nürnberg ermordet,
Theodoros Boulgarides, wurde am 15. Juni 2005 in München ermordet,
Mehmet Kubaşık, wurde am 4. April 2006 in Dortmund ermordet,
Halit Yozgat, wurde am 6. April 2006 in Kassel ermordet – in Anwesenheit eines Verfassungsschützers,
Michèle Kiesewetter ist das letzte bislang bekannte Opfer des NSU. Sie arbeitete in Heilbronn als Polizistin. Dort wurde sie am 25. April 2007 während eines Einsatzes auf einem Parkplatz getötet. Ihr Kollege wurde mit einem Kopfschuss lebensgefährlich verletzt und überlebte.

Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors in Dortmund. Foto: Udo Weier.
Mahnmal für die Opfer des NSU-Terrors in Dortmund. Foto: Udo Weier.

Popmusik: Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Die Antilopen Gang wurde 2009 gegründet und ist eine Hip-Hop-Band aus Aachen und Düsseldorf. Mitglieder sind die Brüder Tobias Pongratz  (Panik Panzer ) und Daniel Pongratz (Danger Dan). Ein weiteres Mitglied ist der Rapper Kolja Podkowik (Koljah). Das ehemalige Mitglied Jakob Wich  (NMZS) nahm sich 2013 mit nur 28 Jahren das Leben.
Seit 2014 veröffentlicht die Antilopen Gang ihren Alben beim Label JKP, dem Label der Toten Hosen. 2014 erschien das Album Aversion mit dem Song Beate Zschäpe hört U2.
In dem Song werden neben Beate Zschäpe und dem antisemitischen Rapper MaKss Damage, die Rechtspopulisten Jürgen Elsässer und Ken Jebsen, auch der ehemalige FDP-Politiker Jürgen Möllemann und der Literaturnobelpreisträger Günter Grass genannt. Dies erscheint zunächst befremdlich. Doch der Song handelt nicht nur vom Erstarken der Nazis, sondern auch vom Erstarken rechtspopulistischer Überzeugungen in der „Mitte der Gesellschaft“.
In dem Video ist eine Beate Zschäpe Double zu sehen. Beate Zschäpe soll Songs von den Ärzten gehört haben und man fand CDs von U2. Das zeigt nur, dass sie eine gewöhnliche Frau mit einem gewöhnlichen Leben ist, die mordend mit ihren Begleitern durch Deutschland reiste. Das erinnert an Hannah Arendts Banalität des Bösen.

Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Denn heute dreschen sie noch Stammtischparolen,
Doch morgen haben sie Sprengstoff und scharfe Pistolen,
Und Günter Grass schreibt ein neues Gedicht
Und Beate Zschäpe hört U28

Das Gedicht von Günter Grass stammt aus dem Jahr 2012 und heißt Was gesagt werden muss.11 Die Veröffentlichung des Gedichts führte zu einer heftigen Diskussion.  Natürlich ist Günter Grass kein Antisemit. Er vertritt einseitige Position zu Israel, wie viele Vertreter aus dem Kulturbereich. Bei Thema Israel scheinen viele Vertreter aus dem Kulturbereich ihren Verstand auszuschalten. In seinem Gedicht vertritt er die Position, Israel gefährde den Weltfrieden. Er erklärt wie auch Vertreter aus dem politisch rechten und auch „linken“ Lager den Staat Israel grundsätzlich zum Täter.

Und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann
Und der Holger Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an,
Deutschland, Deutschland du tüchtiges Land8

Der ehemalige Landesvorsitzende der FDP NRW und Bundesminister Jürgen Möllemann liess einige Tage vor der Bundestagswahl 2002 in NRW ein Flugblatt verteilen12. Mit Fotos des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon und Michael Friedman. Während er Möllemann sich für eine friedliche Lösung im Nahen Osten einsetze, betreibe Sharon eine gewaltsame Politik gegenüber den Palästinenser. Eine Politik der Gewalt, die Michael Friedmann unterstützt. Es ist offensichtlich, mit diesem Flugblatt wollte Möllemann im politisch ganz rechten Lager Wahlstimmen fischen. Holger Apfel war Bundesvorsitzender der NPD.
Max Mustermann steht für den „normalen“ Deutschen, die jetzt eine Partei haben, die sie wählen können. Ein Wahlkampfslogan der AFD lautete Deutschland. Aber normal. Wenn der „normale“ Deutsche auch kein Flüchtlingsheim ansteckt, so schaut er zu und klatscht offen oder innerlich Beifall.
Der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen beantragte eine einstweilige Verfügung gegen den Song, weil in dem Song sein Portal KenFM genannt wird

All die Pseudo-Gesellschaftskritiker
Die Elsässer, die KenFM-Weltverbesserer:
Nichts als Hetzer in deutscher Tradition
Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um8

Die Antilopen Gang schrieb auf Facebook

Es belustigt uns, dass ausgerechnet der Typ, der ständig mit den abenteuerlichsten Anschuldigungen und wildesten Theorien gegen politische Gegner schießt, sofort schwerste rechtliche Geschütze auffährt und mit Strafandrohungen um sich wirft, wenn er sich mal selbst betroffen fühlt. Wir sind uns sicher, dass wir als Künstler in unserer Musik die Freiheit haben müssen, zu sagen, was wir sagen möchten, ohne dass direkt irgendein dahergelaufener Otto oder Ken ankommt, der uns inhaltlich beschneiden will und unseren finanziellen Ruin in Kauf nimmt.7

Ken Jebsen zog seinen Antrag wegen geringer Erfolgsaussichten zurück.

Die Antilopen Gang ist ein positives Beispiel für eine Hip-Hop und Rap Band mit Texten ohne misogynen, antisemitischen oder verschwörungstheoretischen Inhalten.
Wie sagte Panik Panzer in einem Interview

Rap ist ja wirklich leider Gottes eine riesige Deppenansammlung…………….
Und wir gehören da irgendwie rein, aber sind halt unsere eigene Deppenecke im Rap.9

Es ist auch mal schön, kluge und witzige Deppen einer Hip-Hop und Rapband zu hören.

1) Manja Präkels. Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Verbrecher Verlag 2017, S. 7
2) ebenda, S. 17
3) ebenda, S. 203
4) ebenda, S. 94
5) Bundeszentrale für politische Bildung. Arbeiten im Bruderland. Arbeitsmigranten in der DDR und ihr Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung. Ann-Judith Rabenschlag. Abgerufen am 22. August 2023
6) WDR1. 10. August 1975 – Erste ausländerfeindliche Krawalle in der DDR. Stand: 10.08.2020, 00:00 Uhr. Abgerufen am 24. August 2023
7) Tagesspiegel. Wegen „Beate Zschäpe hört U2“: Ken Jebsen lässt Antilopen Gang wohl abmahnen. Von Bodo Straub.21.11.2014, 17:17 Uhr
Abgerufen am 24. August 2023.
8) Genius. Beate Zschäpe hört U2. https://genius.com/Antilopen-gang-beate-zschape-hort-u2-lyrics. Abgerufen am 24.August 2023.
9.) Berliner Zeitung. Antilopen Gang: „Wir sind unsere eigene Deppenecke im Rap“. Die Jugendredaktion. 23. Januar 2020. Abgerufen am 24. August 2023. 
10) Die Toten Hosen. Vom Wurst Tang Clan zur Antilopen Gang. Interview mit Koljah, Panik Panzer und Danger Dan. 2.2015. Abgerufen am 24. August 2023.
11) Süddeutsche Zeitung. Grass‘ Gedicht im Wortlaut: Was gesagt werden muss.10. April 2012, 9:26 Uhr. Abgerufen am 25. August 2023.
12) haGil.com. Antisemitismus.Net. FDP hofft auf deutlichen Rechtsruck in Deutschland: Möllemann gibt wieder den Antisemiten. Abgerufen am 25. August 2023.
13) Wikipedia. Nationalsozialischer Untergrund. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund
Abgerufen am 26.August 2023.
14) Spiegel. Das sind die 10 Opfer der rechten Terrorzelle NSU. Eine Erinnerung. Von Marc Röhlig. 11.07.2018, 08.35 Uhr. Abgerufen am 28. August 2023.
15)  Die Beschreibung diese Szene beruht auf Tatsachen, die Manja Präkels selbst erlebte. Der 18-jährige Ingo Ludwig wurde Opfer des Naziterrors. Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg. Abgerufen am 29. August 2023.

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