James Baldwin. Ein anderes Land
Man sieht allmählich, dass man selbst, das unschuldige, aufrechte Wesen, zum Elend der Welt beigetragen hat und immer noch beiträgt.1
>>Ich verstehe nicht, wieso Menschen nicht einfach machen können, was sie wollen; wir tun niemandem was.<<6
James Baldwin, ein Zeitzeuge und politisch engagierter Schriftsteller
James Baldwin wurde am 2. August 1924 in Harlem, New York, geboren und starb am 1. Dezember 1987 in Frankreich. Er gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhundert.
James Baldwin wuchs in bitterarmen Verhältnissen mit acht Geschwistern auf. Seine Jugend war geprägt durch Diskriminierung und religiösen Fanatismus. Er betätigte sich selber für einige Jahre als Prediger, bevor er sich vom Christentum abwandte. Mit dem Roman Go tell it on the Mountain, der Titel eines Gospelsongs, gelang ihm der schriftstellerische Durchbruch, in dem er seine Jugenderlebnisse und den religiösen Fanatismus seines Vaters beschreibt.
Baldwin verstand sich weniger als politischen Schriftsteller, sondern eher als Zeitzeuge. In seinen Romanen und Essays fließen seine persönlichen Erlebnisse mit ein. Themen sind Rassismus, Sexualität und die Doppelmoral in den USA der 50er und 60er Jahre.
Wegen der Erfolglosigkeit seiner ersten Kurzgeschichten und den für ihn unerträglichen Rassismus ging er 1948 nach Paris. Nach seinem Exil in Frankreich kehrte Baldwin in die USA zurück und engagierte sich als politischer Schriftsteller in der Bürgerrechtsbewegung. Er unterstützte in den 60er Jahren die Bürgerrechtsbewegung mit brillanten Reden und seinen Essays. (The Fire Next Time)
Baldwin war eng befreundet mit Martin Luther King und Malcom X. Mit der Live Matters Bewegung erlebte Baldwin eine Renaissance.
Einleitung
In Greenwich Village, in New York, leben in den 50er Jahren weiße und schwarze Künstler in prekären Verhältnissen und hoffen auf ihren künstlerischen Durchbruch. Rassismus ist eine Lebenserfahrung, die die Beziehungen der Menschen belasten. Beispielhaft werden die Konflikte zwischen den Menschen, Schwarzen und Weißen an ihren Liebesbeziehungen behandelt. Zur Dynamik dieser Beziehungen, wie Menschen miteinander umgehen und ihr Verhalten verändern, trägt entscheidend der Rassismus bei. Bei einem trivialen Streit rückt die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Gruppen plötzlich ins Zentrum des Gesprächs.
Inhalt
In diesem Roman erscheinen kaum Rassisten. Schwarze und Weiße sind befreundet und die Weißen hören überwiegend Blues-Musik
Baldwin beschreibt den subtilen Rassismus. Vivaldo wird die schwarze Ida nicht seinen Eltern vorstellen.
Nach einer Schlägerei bringt der farbige Rufus den weißen Vivaldo nicht in ein Krankenhaus. Wie reagieren die Ärzte und Krankenschwestern , wenn ein verletzter Weißer mit einem Schwarzen in einem Krankenhaus eintrifft?

Die Ärzte und Krankenschwestern waren eben zuallererst aufrechte, anständige Weiße.4
Der farbige Bluesmusiker und Drummer Rufus Scott versteckt sich seit Wochen vor seinen Freunden und streift ziellos und mit dem Gefühl von Einsamkeit durch das kalte und abweisende New York. Er erinnert sich an sein Leben in Harlem, aus dem er floh, und an bessere Zeiten: Konzerte in Greenwich Village vor einem schwarzen und weißen Publikum. Rufus beobachtet U-Bahn Passagiere, und erkennt das Schwarze und Weiße, trotz der noch bestehenden Segregation auch in Zukunft Zusammenleben müssen.
Viele Weiße und viele Schwarze, aneinander gekettet in Raum und Zeit und durch die Geschichte, alle in Eile. In Eile, voneinander wegzukommen, dachte er, aber nie und nimmer schaffen wir das.5
Nach einem Konzert trifft er die weiße Südstaatlerin und Außenseiterin Leona. Als Alkoholikerin wurden ihr die Kinder nach der Scheidung weggenommen. Als Rufus mit Leona durch Stadt geht, spürt er feindliche Blicke der weißen Menschen, während Leona nichts bemerkt. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der beiden drückt sich in Leonas Satz aus
<<da ist doch nichts bei ein Farbiger zu sein>>2
Für Rufus ein schrecklicher Satz, der ihn an seine Verletzungen und Diskriminierungen erinnert, und sein Gefühl verstärkt, kein gleichwertiger Mensch in dieser Gesellschaft zu sein. Er fühlt sich von Leona nicht geliebt und nur ausgenutzt. Es beginnt eine toxische Beziehung, die in einer Katastrophe endet. Rufus wird gegenüber Leona gewalttätig und begeht aus Verzweiflung Suizid. Leona endet in einer psychiatrischen Klinik.
Ida macht Leona mitverantwortlich für den Selbstmord ihres Bruders und beschreibt die dunkle Seite dieser Liebe.
>>Menschen sind gnadenlos. Im Namen der Liebe reißen sie dich in Stücke, und wenn du tot bist, wenn sie dich umgebracht haben durch die ganze Quälerei, die sie dir aufdrücken, behaupten sie, du hättest keinen Charakter gehabt. Bittere Tränen vergiessen sie – aber nicht um dich, um sich selbst, weil sie ihr Spielzeug verloren haben.<<7
Nach dem Suizid ihres Bruders Rufus stellen sich Ida und Rufus‘ Freunde die Schuldfrage: Warum verhinderten wir nicht seinen Selbstmord?
An der Beziehung zwischen der schwarzen Ida und dem weißen Vivaldo untersucht Baldwin noch intensiver die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen.
Vivaldo scheitert seit Jahren daran, einen Roman zu Ende zu schreiben. Nach der Beerdigung Rufus‘ geht er mit der selbstbewussten Ida eine Affäre ein. Auf einer Party feiern die Freunde den Erfolg von Richards Roman. Richards Agent bietet auch Vivaldo seine Hilfe an und besonders Ida, um ihre Gesangskarriere zu fördern. Vivaldo wird klar, er besitzt nicht den Status und die Machtposition von Ellis und seine Eifersucht belastet die Beziehung zu Ida. Ida will nicht länger als Schwarze und Frau den weißen Männern ausgeliefert sein. Mit der Unterstützung Ellis tritt Ida als Sängerin auf und geht mit ihm eine Affäre ein.
Vivaldo will Ida zeigen, dass die Gesellschaft nicht von weißer Vorherrschaft geprägt wird. Gegen diese Sichtweise Vivaldos wehrt sich Ida.
>>Ich würde ihr gern beweisen – irgendwann<<, sagte er und sah dabei aus dem Fenster, >> würde ich ihr gern zeigen, dass die Welt nicht so schwarz ist, wie sie glaubt.<< Worauf Cass trocken erwidert:
>>Oder<<(..) >>so weiss.<<8
Für Ida ist Vivaldo wegen seiner weißen Hautfarbe in einer privilegierten Situation:
>>Unser Zusammensein verändert nicht die Welt,Vivaldo.<<9
und Vivaldo antwortet ihr:
>>Für mich schon.<<9
>>Ja, weil du weiss bist.<<9, erwiderte Ida.
Ida unterstellt Vivaldo, er habe die typischen Vorurteile eines weißen Mannes. Er hielte sie doch nur für eine schwarze Hure.
Im Gegensatz zu der gescheiterten Beziehung zwischen Rufus und Leona bemühen sich Ida und Vivaldo ihrer Beziehung eine stabile Basis zu schaffen. Baldwin lässt offen, ob ihnen das gelingt
Richard und Cass, ein weißes liberales Ehepaar, scheinen eine Musterehe zu führen. Cass erzieht zwei Kinder und ist stolz auf den Erfolg Richards. Doch ihr Leben war dem Erfolg Richards untergeordnet. Sie hat das Gefühl, etwas in ihrem Leben verpasst zu haben und geht mit dem homosexuellen Eric eine Affäre ein. Eric kehrte nach New York zurück, um eine Rolle als Schauspieler zu übernehmen und war mit dem toten Rufus eng befreundet. In New York trifft später Erics, Freund Yves ein, den er bei seinem längeren Aufenthalt in Paris kennenlernte.
Welche Vorstellungen hat Baldwin von diesem anderen Land?
Rufus beschreibt allgemein dieses utopische Land mit den folgenden Worten:
irgendwohin, wo ein Mensch behandelt wird wie ein Mensch3
Baldwin erzählt über die Schwierigkeiten und das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein wichtiges Element dieses anderen Landes sind für Baldwin glückliche und harmonische Beziehungen. Dafür steht in dem Roman die harmonische Beziehung zwischen Eric und Yves. Es ist nicht überraschend, dass der Homosexuelle Baldwin eine homosexuelle Beziehung als hoffnungsvolles Beispiel nimmt. Für die Leser der 60er Jahre eine schockierende Perspektive, wie auch die teilweise bisexuellen Beziehungen der Figuren
Der Roman ist handlungsarm. Er besteht aus zahlreichen Dialogen, in denen die Protagonisten über ihre Gefühle sprechen, mit dem Ziel der Selbsterkenntnis, und dem Versuch den Anderen zu verstehen und sich ihm anzunähern. Sigrid Löffler erinnern diese Gespräche hingegen an psychotherapeutische Gruppensitzungen.11
Baldwin vertritt einen radikalen Humanismus. Trotz Rassismus, Hass und unterschiedlicher Lebenserfahrungen glaubt Baldwin an die Utopie der harmonischen Beziehungen, um die gesellschaftlichen Machtverhältnisse aufzuheben.
Eine Utopie, die alle Menschen einschließt, und gleichzeitig ist sich Baldwin bewusst, dass es aktuell etwas bedeutet, ein Schwarzer zu sein.
Ich schreibe für Menschen, Baby, …………Ich glaube nicht an Schwarze. Ich glaube auch nicht an Weiße. Aber ich weiß, dass es heute ein existenzieller Unterschied ist, ob einer weiß ist oder schwarz.10
1)James Baldwin. Ein anderes Land. 2. Auflage 2024. DTV Verlagsgesellschaft. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Mit einem Nachwort von René Aguigah und einer Nachbemerkung der Übersetzerin.
S. 510
2)ebenda S. 75
3)ebenda S. 94
4)ebenda S. 53
5)ebenda S. 116
6)ebenda S. 261
7)ebenda S. 333f
8)ebenda S.163
9)ebenda S. 409
16)ebenda S.22
10) ORF Topos. James Baldwin 100. Meister des diversen Diskurses. Paula Pfoser. 2. August 2024, 9.53 Uhr. Abgerufen am 12. Dezember 2024.
11) Süddeutsche Zeitung. James Baldwin: „Ein anderes Land“: Im Treibsand der Boheme. Von Sigrid Löffler. 28. Juli 2021, 14:00 Uhr. Abgerufen am 12. Dezember 2021.