Heinrich Mann. Der Untertan.
der untertänig und respektvoll nach oben himmelt und niederträchtig und geschwollen nach unten tritt, der Radfahrer des lieben Gottes.11
Einleitung
Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien.
Bereits 1905 veröffentlichte er den Roman Professor Unrat. Der Film Der Blaue Engel, in der Hauptrolle mit Marlene Dietrich, machte den Roman weltberühmt. Mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein rief er die Sozialdemokraten und Kommunisten dazu auf, sich gemeinsam gegen die Nationalsozialisten zu verbünden. Im Februar 1933 musste er seine Präsidentschaft der Preußischen Akademie der Künste niederlegen. Für die Nationalsozialisten war Heinrich Mann ein Vertreter des „deutschen Ungeistes“. Bei den Bücherverbrennungen warfen die Studenten auch die Werke von Heinrich Mann ins Feuer. Er emigrierte über Frankreich, Spanien und Portugal in die USA.
Der Untertan ist eine Satire über das wilhelminische Kaiserreich und erschien als Fortsetzungsroman in der Zeit im Bild. Die Veröffentlichung wurde mit dem Beginn des 1. Weltkriegs abgebrochen und der Roman erschien als Buchform erst nach dem Ende des Krieges. Interessanterweise erschien der Roman 1915 zum ersten Mal in Russland.
1951 verfilmt Wolfgang Staudte den Roman für das Filmunternehmen der DDR, die Defa, in der Hauptrolle, mit Werner Peters. Erst 1971 war der Film in einer ungekürzten Version im Deutschen Fernsehen zu sehen.
Inhalt
Es ist eine Gesellschafts- und Persönlichkeitsstudie. Diederich Heßlings ein autoritärer Charakter, für den Ordnung, Pflicht und Anpassung zu den Eckpunkten seines Lebens gehören. Die Hauptfigur Diederich Heßling repräsentiert den Kaiser und das Kaiserreich und ist eine bitterböse Satire über den vorherrschenden Untertanengeist.
Beschrieben wird die autoritäre Sozialisation und die Institutionen, die Wertvorstellungen vermitteln, um diesen Untertanengeist zu fördern. Heßling unterwirft sich mit geradezu großer Lust und aus „Liebe“ den Mächtigen.
Gegen die wir nichts können, weil alle sie lieben!3
Jede Institution verstärkt seinen autoritären Charakter und zerstört die letzten Reste seiner Individualität und Selbstbewusstsein: Nach der Erziehung in der Familie folgt weitere physische und psychische Gewalt in der Schule und endet mit einer Verbeugung vor dem Militarismus.
Diederich Heßling ist ein ängstliches Kind. Diese Ängstlichkeit verbindet ihn mit seiner Mutter, die er deswegen verachtet. Sein autoritärer Vater, ein Papierfabrikant, erzieht Diederich mit Prügelstrafe. Die Arbeiter lachen ihn aus. Er streckt ihnen die Zunge aus, weil sie es nicht wert sind von seinem Vater verprügelt zu werden! Hier drückt sich sein masochistisches Verhältnis zur Autorität aus. Die Prügel, seines Vaters, einer Autorität, stärkt sein eigenes schwaches Selbstwertgefühl.
Als Mitglied einer deutsch-nationalen Burschenschaft mit antisemitischen Überzeugungen gefällt es ihm, sich unterzuordnen und im großen Ganzen aufzugehen. Gleichzeitig versteht er sich als Mitglied einer elitären Gruppe und somit als Teil der Macht.
Er verehrt die Mächtigen und ahmt sie nach. Diederich übernimmt die äußere Erscheinung und Überzeugungen des Kaisers. In seinem vorauseilenden Gehorsam fragt Diederich sich immer, was würde der Kaiser tun, was denkt der Kaiser. Er wird zu einem Abziehbild des Kaisers und fordert für Netzig ein Kaiserdenkmal. Bei der Einweihung des Kaiserdenkmals werden an Diederich Orden verliehen. Dann stoppt ein schweres Gewitter die Einweihung. Ein symbolisches Bild für die imperialen Ziele des Kaiserreichs, die zum Gemetzel des 1. Weltkrieges führten.
Diederich übernimmt die antidemokratischen Einstellungen seines Ideals, des Kaisers.
Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich.1
Er duldet keine Andersdenkend, die die Macht des Kaisers untergraben und sieht zahlreiche Feinde, die den Umsturz der Monarchie planen: Juden, Liberale, Freimaurer und die vaterlosen Sozialdemokraten.
Die Ablehnung anderer Meinungen schlägt in Feindseligkeit und den Wunsch um, Menschen mit anderen Überzeugungen zu vernichten. Heinrich Mann beschreibt ein historisches Ereignis: Die Erschießung des Arbeiters Heinrich Lück durch einen Wachposten, der später vom Kaiser zum Gefreiten befördert wird. Mann macht den Kaiser mitverantwortlich, für den Tod des Arbeiters, weil das bestehende politische Klima solche Ereignisse förderte.
Als Diederich dem Kaiser in Berlin gegenüber steht, steigert er sich in einen Rausch und Zustand des Fanatismus. Er fällt in einen Tümpel und der Kaiser lacht ihn aus. Eine symbolische Szene: Für den Kaiser sind die Untertanen nur nützliche Idioten.
Diederichs Verhältnis zu Frauen ist ein eigenes Kapitel. Die Forderung nach Unterordnung gilt verstärkt für Frauen. Sie werden zu Handelsobjekten. Er schließt eine Ehe unter dem Gesichtspunkt eines finanziellen Vorteils für seine Papierfabrik.
Diederich ist ein Sprücheklopfer, für den ein echter deutscher Mann in der Armee gedient haben muss, und gleichzeitig drückt er sich vor dem Militärdienst.
Er schwankt zwischen Größenwahnsinn und Unterordnung. Nach außen hin vertritt er hohe moralische Ansprüche. Bei einem Gefühl der Überlegenheit, nutzt er rücksichtslos seine Macht, um seine eigenen egoistischen Ziele und finanziellen Vorteile zu erreichen. Diederich ist ein Intrigant und Opportunist. Er setzt Gerüchte in die Welt, um seine Gegner zu verunglimpfen und unter Druck zu setzen, um damit seinen gesellschaftlichen Aufstieg zu fördern. Ein Opportunist, der seine politischen Überzeugungen und sein Geschäft vermischt und mit politischen Gegner zusammenarbeitet, wenn es ihm Vorteile bringt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bekämpft er schwächere. Bei einem Gefühl der eigenen Schwäche passt er sich an. Der Rechtsanwalt Buck, sein Kontrahent, beschreibt die Persönlichkeit Diederichs mit den folgenden Worten.

Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewusstsein, sobald sie sich gewendet hatten.4
Heinrich Mann zeichnet kein schwarz-weißes Bild der Gesellschaft. Das liberale Bürgertum ist vorrangig am Geld verdienen interessiert und artikuliert Hass auf Juden. Der Sozialdemokrat Fischer verbündet sich mit Diederich, um ein politisches Mandat zu erlangen. Der Kaisergegner Buck ist eher an seiner eigenen Selbstdarstellung interessiert.
Zusammenfassung
Ein humorvoller Roman. In der Hochzeitsnacht tritt Diederich mit seinen Orden vor Guste um zuerst dem Kaiser zu gedenken.
Es gibt keine einfachen Erklärungen für den Erfolg des Nationalsozialismus. Heinrich Mann beschreibt beispielhaft die Einstellungen eines Menschen im Kaiserreich, der später zu einem Mitläufer des Nationalsozialismus werden konnte: antidemokratische Überzeugungen, Antisemitismus und Anpassung an die bestehende Ordnung.
Mit Originalzitaten des Kaisers und vielen symbolischen Szenen veranschaulicht Mann das nationalistische und antidemokratische Denken im Kaiserreich.
Wenn Diederich sagt:
Die schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muss man heute sein.5
fasst er auch das aktuelle Programm der AFD und der Rechtsradikalen zusammen.
In einem Zitat beschreibt Diederich den Kaiser und gleichzeitig die aktuellen Personen der Rechtsradikalen.
>>Worauf es für jeden persönlich ankommt, ist nicht, dass wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern dass wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur Talent nötig, und das hat er.<<6
Für diesen Politikstil sind „Schauspieler“ bestens geeignet, die allerdings in der Regel ein schlechtes Theater bieten.
Kurt Tucholsky schrieb, unter seinen Pseudonym Ignaz Wrobel, über den Roman begeistert in der Weltbühne 1919
Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in Aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sicht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit.10
Eine wichtiger, großartiger Roman, der nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Erich Fromm und Theodor W. Adorno. Die Furcht vor der Freiheit. Studien zum autoritären Charakter.
Der Sozialpsychologe Eric Fromm und Soziologe Theodor W. Adorno untersuchten den Typus Diederich Heßling mit seinen antidemokratischen Einstellungen in zwei Studien
Eric Fromm. Die Furcht vor der Freiheit.
Für Fromm hat die Freiheit eine doppelte Bedeutung. Sie gibt uns das Gefühl von Unabhängigkeit, aber gleichzeitig führt sie zu neuen Abhängigkeiten und dem Gefühl der Vereinsamung.
die dem einzelnen ein neues Gefühl der Unabhängigkeit gegeben hatte, während sie ihm gleichzeitig das Gefühl von Vereinsamung und Isolation gab und ihn mit Zweifel und Angst erfüllte.12
Die Menschen reagieren aus Furcht vor dieser Freiheit mit drei Fluchtmechanismen.
1) Die Flucht ins Autoritäre
Dieser Mensch bewundert einen starken Führer und unterwirft sich ihm unkritisch. Gleichzeitig möchte er Führer sein, um andere zu beherrschen, um die eigene Isolation und persönliche Bedeutungslosigkeit zu überwinden.
Indem man zum Bestandteil einer Macht wird, die man als unerschütterlich stark, ewig und bezaubernd empfindet, hat man auch Teil an ihrer Stärke und Herrlichkeit. Man liefert ihr sein Selbst aus und verzichtet auf alles, was an Kraft und Stolz damit zusammenhängt, man verliert seine Integrität als Individuum und verzichtet auf seine Freiheit. Aber man gewinnt dafür eine neue Sicherheit und einen neuen Stolz durch Teilhabe an der Macht, in der man aufgeht. Außerdem gewinnt man Sicherheit gegenüber quälenden Zweifeln…………
Es bleibt ihm auch der Zweifel daran erspart, was der Sinn seines Lebens ist und wer er ist. Alle diese Fragen beantwortet die Beziehung zu der Macht, der er sich angehängt hat.8
2) Die Flucht ins Destruktive
Wer sein Leben in Freiheit mit einem schwachen Selbstwertgefühl nicht gestalten kann, fühlt Angst und Ohnmacht und wünscht, die ihn einengenden Verhältnisse zu zerstören.
Destruktivität ist das Ergebnis ungelebten Lebens.9
Dabei kann sich die Zerstörungswut sowohl gegen sich selbst, als auch nach außen gegen scheinbar schwache Menschen richten. Die nach außen gerichtete Destruktion kann in Hass umschlagen und zum Wunsch führen, „Feinde“ zu vernichten.
3) Flucht in den Konformismus
Die Menschen geben ihre Individualität auf und suchen Schutz in einer Gemeinschaft. Sie verhalten sich so, wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet. Übernommen werden die „normalen“ Werte und eine „Leitkultur“, die scheinbar naturgegeben sind. Maßstab ist der „gesunde Menschenverstand“ mit seinen Vorurteilen und fehlenden Argumenten. Der Hass auf Diversität in einer Gesellschaft ist eine Konstante im konformistischen Verhalten.
Diese Menschen verzichten auf die Chance, neues zu entdecken und ihr Leben selbstständig zu gestalten.
(Genau diese Wähler spricht die rechtsradikale AFD mit ihrem Slogan an: Deutschland. Aber normal.)
Theodor W.Adorno. Studien zum autoritären Charakter.
Die Studie war eine Reaktion auf den Erfolg des Nationalsozialismus. Der Einfluss von Fromm ist deutlich sichtbar. Die Teilnehmer dieser empirischen Studie gehörten dem ökonomischen Mittelstand an, und die Daten wurden mithilfe von Interviews und Fragebogen erhoben.
Im Mittelpunkt dieser Studie standen Menschen mit antidemokratischen Überzeugungen und potenziell faschistischen Überzeugungen. Die Studie sollte die Frage beantworten: Wie kommt dieses antidemokratische Denken zustande und welche Kräfte strukturieren dieses Denken. Welche gemeinsamen Charakterzüge zeigen Menschen mit antidemokratischen Einstellungen.
Verschiedene Charakterkräfte, die Bedürfnisse, Triebe, Wünsche und die Verarbeitung emotionaler Erlebnisse bilden die Charakterstruktur. Sie ist nicht angeboren. Die Umwelt formt die Charakterstruktur: Erziehung und die Lebenserfahrungen eines Menschen. Die Charakterstruktur kann Menschen zu einem bestimmten Verhalten veranlassen und Meinungen, Vorurteile und Wertvorstellungen über eine Gesellschaft prägen. Die Menschen übernehmen eine bestimmte Ideologie und befriedigen somit ihre persönlichen Bedürfnisse.
Die Charakterstruktur eines Menschen reagiert einerseits flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen und ist andererseits resistent gegenüber tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Ob Menschen ihre antidemokratischen Meinungen oder Vorurteile gegenüber Minderheiten äußern oder sogar Minderheiten gewalttätig angreifen, hängt entscheidend vom politischen Klima ab, denn das politische Klima prägt die Denkweise der Menschen. Deshalb ist die Vermeidung von antidemokratischen Einstellungen nicht allein durch Erziehung möglich.
Ausgangspunkt dieser Studie war die Erforschung des Antisemitismus. Es zeigte sich, der Antisemitismus ist nur ein Bestandteil eines antidemokratischen Denkens und befriedigt psychologische Bedürfnisse. Diese Menschen übertragen ihre Vorurteile gegen Juden auch auf andere Minderheiten. Die Menschen werden nicht als Individuen gesehen, sondern als Teil einer Gruppe und dieser Gruppe werden von vornherein negative Eigenschaften zugesprochen.
Für Adorno gehören zum potenziell faschistischen Charakter die folgenden Eigenschaften: Konventionalismus (Fromm: Konformismus); autoritäre Unterwürfigkeit (Fromm: Flucht ins Autoritäre); Aggressivität (Fromm: Destruktivität).
Adorno nennt noch zwei weitere interessante Typen: der Rebell und der Psychopath. Bei diesem Menschen mit einem autoritären Charakter ist auch eine Rebellion möglich. Hier wird eine verhasste Autorität bekämpft und durch eine neue Autorität ersetzt werden. Aktuell bezeichnen sich Rechtsradikale als Anti-Elitär (manchmal eine Ersatzbezeichnung für Juden und damit verdeckter Antisemitismus) und gleichzeitig bejubelt man autoritäre Personen, wie z. B. Putin.
Der Spinner.
Sie müssen sich eine innere, häufig an Wahn grenzender Scheinwelt aufbauen, die sie emphatisch der Realität entgegensetzen. Sie können nur existieren, wenn sie sich selbst erhöhen und die Außenwelt mit Leidenschaft verwerfen.14
Dies beschreibt sehr gut Verschwörungstheoretiker, die antidemokratischen Einstellungen und Vorurteile verbreiten.
Der potenziell faschistische Charakter ist ein Produkt aus den Wechselwirkungen zwischen dem politischen Klima und den psychischen Bedürfnissen der Menschen und deren psychischen Reaktionen auf das politische Klima.
Was sind die psychologischen Bedürfnisse dieser Menschen?
Der Faschismus
…..muss deshalb in erster Linie an emotionale Bedürfnisse–oft die primitiven und irrationalsten Wünsche und Ängste–appellieren und nicht an das rationale Selbstinteresse.13
Warum lassen sich Menschen von der faschistischen Propaganda täuschen, die ihnen ein besseres Leben verspricht?
Weil es, so ist es anzunehmen, ihrer Charakterstruktur entspricht; weil lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen.13
In der Charakterstruktur der Menschen liegt die Anfälligkeit für antidemokratische Propaganda und gleichzeitig eine Quelle für den Widerstand.
Heinrich Mann. Der Untertan. S. Fischer Verlag, 2021. Mit einem Nachwort und Materialien Anhang von Ariane Martin.
1) S. 111
3) ebenda S. 54
4) ebenda S. 202 ff.
5) ebenda S. 242
6) ebenda S. 175
8) Erich Fromm. Die Furcht vor der Freiheit. Aus dem Englischen von Liselotte und Ernst Mickel. Ungekürzte Ausgabe 1990. 28. Auflage 2024. dtv Verlagsgesellschaft.
S.116 ff.
9) ebenda S. 136
10) Die Weltbühne. 15. Jahrgang. I. und II. Halbjahr 1919. Nachdruck. 1978 Athenäum Verlag. S. 317
11) ebenda S. 321
12) ebenda S.80
13) Theodor W. Adorno. Studien zum autoritären Charakter. Übersetzt von Milli Weinbrenner. Vorrede von Ludwig von Friedeburg. Suhrkamp Taschenbuch 1182. 12. Auflage 2020.
S.13
14) ebenda S. 331