Demian Lienhard. Mr. Goebbels Jazz Band.
Einleitung
Demian Lienhard ist ein Schweizer Schriftsteller und wurde 1987 in Bern geboren. In Köln promovierte er in klassischer Archäologie. Für seinen Roman über die Züricher Drogenszene, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, erhielt er 2020 den Schweizer Buchpreis.
Inhalt
Die Beamten im nationalsozialistischen Ministerium für Propaganda und Volksaufklärung hörten verbotene Klänge. Eine minderwertige Musik, aus dem afrikanischen Dschungel10, eben Buschmusik11. War es koscher1(!) diese „entartete“ Musik hier zu spielen und doch spürten sie den Rhythmus des Jazz in ihrem gesamten Körper.
Der Leiter der Auslandspropaganda des deutschen Rundfunks überzeugt die skeptischen Beamten, denn eine Propagandasendung mit Jazzmusik soll eine weitere Kriegsfront eröffnen. Diese Propagandasendungen wird die britischen Hörer verunsichern, demoralisieren und ihren Widerstandswillen schwächen.

Ein hauseigenes Orchester, sozusagen eine musikalische Schattenarmee, müsse her, die in der Lage sei, die Briten Tag und Nacht mit dem allerfeinsten Propagandajazz zu bombardieren.1
Der Propagandasendung Germany Calling richtet sich an britische Hörer und wird von Wilhelm Fröhlich moderiert. Um die Sketche und trockenen Wortbeiträge in der Propagandasendung Germany Calling aufzulockern, spielten Charlie and His Orchestra Jazz.
Fröhlich soll einen Schriftsteller finden, der den Erfolg der Propagandasendung für die Nachwelt ins rechte Licht2 setzt. Die Wahl fällt auf den nicht sehr erfolgreichen „neutralen“ Schweizer Schriftsteller Mahler. Mahler hat Zweifel, ob er den Auftrag annehmen soll und wägt ihn unter ethischen und ökonomischen Gesichtspunkten ab. Entsprechend seinem Lebensprinzip, das aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren stammt,
Ich finde nichts vernünftiger in der Welt, als von den Torheiten anderer Vorteil zu ziehen.3
nimmt er ohne Skrupel den Auftrag an und wird zu einem Kollaborateur der Nationalsozialisten.
Die Musiker verhalten sich gegenüber Mahler reserviert, denn sie halten ihn für einen Spitzel. Warum kollaborieren die Musiker von Charlie and His Orchestra mit den Nationalsozialisten und lassen sich in deren widerwärtige Propaganda einspannen? Für die Musiker ist es eine Überlebensfrage. Die Mutter des Schlagzeugers Brocksieper ist Jüdin. Die Propagandasendungen mit der Band galt als kriegswichtig und schütze sie vor der Einberufung an die Front. Sie führten als Künstler ein Doppelleben, und konnten den von ihnen geschätzten Jazz, der offiziell verboten war, nur in dieser Zusammensetzung spielen. Bei öffentlichen Auftritten unterlagen sie den Vorschriften der Reichsmusikkammer, und die duldete keinen Jazz.
Wilhelm Fröhlich, ein Amerikaner und der Radiosprecher der Propagandasendung Germany Calling wuchs in Irland und in Großbritannien, unter seinem Geburtsnamen William Joyce auf. Er erkennt sehr früh: Der Sprache ist nicht zu trauen, denn es besteht ein Unterschied von Gesagten und Gemeinten. Genau deshalb kann man die Sprache für eigene Zwecke nutzen. Mit seiner Sprachbegabung und mitreißenden Reden wird er in Großbritannien zu einem einflussreichen Faschisten. Die Zuhörer erinnern sich weniger an seine Argumente, sondern haben das Gefühl, dass es richtig ist, was er sagt.
Aus Angst vor einem persönlichen Stillstand und um einer Verhaftung zu entgehen, flieht er mit Margret aus Großbritannien nach Berlin und arbeitet für die nationalsozialistische Propagandaabteilung. Fröhlich hält sich für die
englische Stimme Nazideutschlands8

Das in dem Roman genannte Gemälde von Arnold Böcklin, Die Toteninsel, veranschaulicht eine Episode in dem Roman. Auf dem Gemälde rudern zwei Personen in einem Boot zu einer Toteninsel. Auch der Schriftsteller Mahler und der Radiosprecher Fröhlich und seine Frau Margret reisen von der Schweiz bzw. Großbritannien in das Totenreich der Nationalsozialisten und kollaborieren mit dem Naziregime. Für den National-sozialismus war der Todeskult ein zentraler Bestandteil ihrer Ideologie, denn der Tod für das NS-Regime war der stärkste Beweis, die Wahrheit der nationalsozialistischen Ideologie anzuerkennen.
Auch Margret, die eine Veranstaltung der Faschisten besucht, hat das Gefühl, sie blicke in eine düstere Zukunft.
Finsternis und Asche und Tod.4
Zusammenfassung
Die meisten in dem Roman genannten Personen sind reale Personen. Die Jazzband Charlie and His Orchestra war ein geheimes Projekt des Auslandssenders des Deutschen Rundfunks und erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfuhr die Öffentlichkeit durch den Journalisten Rainer Lotz von diesem Projekt.
Die amerikanischen und britischen Jazzhits erhielten neue antibritische und antisemitische Strophen, die vor allem Churchill lächerlich machten. Die erste Strophe eines Songs blieb unverändert, um die Aufmerksamkeit der Hörer zu gewinnen.
Ein Beispiel ist der Jazzhit Goody Goody von Benny Goodman.
Originaltext
So you think that love’s a barrel of dynamite, hooray and hallelujah,
you had it comming to Yahoo, goody goody for him, goody goody for me, and I hope you’re satisfied, you rascal youuuuu,6
Propagandatext
Who never fought in France and doesn’t know how it feels?
…he said came true, he is always teasing you
He would like to put the whole World on Barrel of Dynamit, hooray and Halleluja!7
Ein Roman mit Sprachwitz und einem Mix aus „realer“ Geschichte, literarischer Fiktion und über die Wirkung von Propaganda. Er zeigt wie Sprache, Musik und Kunst für eine Ideologie und Propaganda benutzt werden.
Der Roman zeigt die Widersprüche innerhalb der nationalsozialistischen Propaganda und Ideologie. So wie die Nazis den „entarteten“ Jazz für ihre Propaganda nutzten, entfernten sie die „entarteten“ Gemälde aus den Museen und ließen sie über Kunsthändler ins Ausland verkaufen, um die Devisenbestände zu erhöhen.
Auch in jeder Propaganda sind Fakten enthalten, sodass es schwierig wird Wahr und Falsch zu erkennen.
Dies erkennt auch Mahler.
Das heißt, er hat diese Dinge nicht in vollen Bewusstsein, sozusagen mit Absicht erfunden, sondern mitgedacht (so nennt Mahler den Umstand, dass er der Propaganda, über die er schreiben soll, inzwischen selbst auf den Leim gegangen ist);9
das Wesen der Propaganda und die literarische Fiktion aufs Eigenartigste kurzgeschlossen.5
Im Zeitalter der (a)sozialen Medien und KI vermischen sich die Fakten mit der Fiktion und werden zu Fakes, die zur Propaganda eingesetzt werden, um das Verhalten und Denken von Menschen zu manipulieren. Es wird in Zukunft noch schwieriger sein diese Inhalte, in einer Information zu erkennen.
Der Roman endet mit einer literarischen Fiktion und einer Propaganda der Nazis. Den Nazis gelingt die Besetzung des verhassten Großbritannien. Das Kriegsziel ist erreicht und damit werden Fröhlich und die Jazzband überflüssig.
Es ist ein Roman über Opportunismus. Fröhlich, Mahler und die Mitglieder der Jazzband Charlie and His Orchestra arbeiten allerdings aus unterschiedlichen Motiven mit den Nationalsozialisten zusammen.
Der Schriftsteller Mahler übernimmt in dem Roman die Rolle des Erzählers und ist das Alter Ego des Schriftstellers Demian Lienhard. Auch Mahlers Roman lautet Mr. Goebbel’s Jazz Band. Wenn Mahler von seiner Schreibblockade berichtet oder sich über den Inhalt und die Form des Romans nicht sicher ist, scheint dies auch für Lienhard gültig zu sein.
Am Ende muss Mahler einsehen, dass er mit seinem Roman gescheitert ist, deshalb steht auf der letzten Seite des Romans: Ende des Manuskripts. Hier liegt eine „rohe Buchversion“ vor. Mahler hätte auch ein anderes Buch über Propaganda schreiben können.
In einer Schlussbemerkung erzählt Demian Lienhard vom Schicksal der realen Personen. Wilhelm Fröhlich (William Joyce) wurde 1946 in Großbritannien als Kriegsverbrecher verurteilt und gehängt.
Die Mitglieder der Band Charlie and His Orchestra konnten nach dem Ende des 2. Weltkrieges bald wieder Jazz spielen, vor allem in den Clubs der amerikanischen Soldaten.
Popmusik – Benny Goodman
Benjamin David „Benny“ Goodman wurde am 30. Mai 1909 in Chicago geboren und starb am 13. Juni 1986 in New York.
Als Klarinettist und Bandleader galt er in den 1930 Jahren als „King of Swing“.
In der Carnegie-Hall in New York traten überwiegend Künstler der klassischen Musik auf. In dieser ungewohnten Umgebung gab Benny Goodman am 16. Januar 1938 mit seiner Band ein legendäres Konzert. Mit diesem Konzert verließ der Jazz die Bars und Amüsierviertel und wurde Teil des Mainstreams und der Swing endgültig zur Popmusik der 30er Jahre. Besonders der lange Schlusstitel Sing, Sing, Sing wurde zu einem Klassiker des Swing Jazz. Ein Stück, das dem Schlagzeuger Gene Krupa intensive Schlagzeugsoli erlaubte, aber auch den anderen Musikern Soli gestattete. Das Stück fand Verwendung in zahlreichen Filmen, u. a. in Filmen von Woody Allen.
Der Hass der Nationalsozialisten auf den Jazz hatte verschiedene Gründe. Ihrer Rassenideologie widersprach es, dass weiße und schwarze Musiker in einer Band spielten und sie verurteilten den körperbetonten Tanz zum Jazz.
Die Nazis betrachteten die eigene Kultur gegenüber den USA als überlegen, weil Juden und Schwarze einen zerstörerischen Einfluss auf die amerikanische Kultur hätten.
Benny Goodman gab 1937 in New York ein Benefizkonzert für die im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfenden Republikaner. Da Benny Goodman aus einer jüdischen Familie stammt, beschimpften ihn die Nationalsozialisten als Swing-Juden.12 Nach der NS-Propaganda wurde die Unterhaltungsmusik in der Weimarer Republik von Juden dominiert, und dies habe eine eigenständige deutsche Unterhaltungsmusik verhindert und die Nationalsozialisten verbreiteten die Verschwörungstheorie,
Jazz und Judentum sind eine Unheil bringende verschwörerische Allianz eingegangen, um Deutschland zu bedrohen.13
Die Rassenideologie der Nazis verachtete alle „Nichtarier“ und betrachteten die Kultur der Juden und Schwarzen als minderwertig. Der Einfluss der Schwarzen in der Jazzmusik war ein weiterer Grund der Nazis, den Jazz zu bekämpfen. In einer weiteren Verschwörungstheorie verbreiteten die Nazis die Behauptung, dass sich die „Feinde Deutschlands“ Juden und Schwarze verbündeten hätten.
>>Niggerei und jüdische Frivolität<< – also Einfalt und Gerissenheit – hätten sich vereint.14
Der Rassismus und die Ressentiments gegenüber dem Jazz wiederholte sich in den 60er Jahren gegenüber der britischen und amerikanischen Popmusik.
Demian Lienhard. Mr. Goebbels Jazz Band. Frankfurter Verlagsanstalt.
1) S. 18
2) S. 42
3) S. 45
4) S. 98
5) S. 152
6) S. 170 ff.
7) S. 171
8) S. 225
9) S. 242
10) S.14
11) S. 16
12) Wolfgang Rumpf. Popmusik und Medien. LIT Verlag
S. 23) und 13) ebenda S. 22
14) Michael H. Kater. Gewagtes Spiel. Jazz im Nationalsozialismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernd Rullkötter. Kiepenheuer & Witsch. 1. Auflage 1995.
S. 70
Goebbels‘ Swing-Band – Musik als Propagandamittel. SWR2 Wissen. Stand 8.7.2021, 15:27 Uhr. Mechthild Müser.
Abgerufen am 14. Februar 2025.