James Baldwin über Musik: Blues und Jazz
In verschiedenen Essays schrieb Baldwin über Musik. Musik war für ihn eine wichtige Inspiration. Er nannte den Sound von Miles Davis und Ray Charles als Vorbild, um so zu schreiben, wie sie klingen.12
I don’t mean to compare myself to a couple of artists I unreservedly admire—Miles Davis and Ray Charles—but I would like to think that some of the people who liked my book responded to it in a way similar to the way they respond when Miles and Ray are blowing.19
I think I really helplessly model myself on jazz musicians and try to write the way they sound21
In einigen Romanen bekommen Musiker und Clubs eine zentrale Rolle. In dem Roman Ein anderes Land ist der Drummer Rufus die zentrale Figur. Eine Szene in dem Roman beschreibt, die Emotionen, die Musik auslöst. Für die Zuhörer erzählt der Saxofonspieler mit seiner Musik von seinem Leben. Das Publikum hört aus seinem Saxofonspiel heraus.
Liebt ihr mich? Liebt ihr mich? Liebt ihr mich?16
Eine Frage, die sich jeder Mensch stellt. Für Baldwin erzählt die Musik etwas über das Leben und leiden der Menschen und gibt den Menschen gleichzeitig Trost.
Diese Künstler singen auf ihre sehr unterschiedlichen Weisen eine Art universellen Blues, sie sprechen von etwas, das weit über ihre Charts, Kurven, Statistiken hinausgeht, sie erzählen uns etwas darüber, wie es ist, am Leben zu sein. Es ist kein Mitleid, das man bei ihnen hört, sondern Mitgefühl.16
These artists, in their very different ways, sing a kind of universal blues, they speak of something far beyond their charts, graphs, statistics, they are telling us something about what it is like to be alive. It is not self-pity which one hears in them, but compassion.20
Für Baldwin war Musik ein Medium, das den Schwarzen erlaubte, von ihrem Leben zu erzählen, um die bestehenden Lebensumstände zu verändern.
<<Die Musik, die <Jazz> genannt wird, entstand als überaus lakonische Beschreibung schwarzer Lebensumstände, indem man sie beschrieb, zu überwinden.>>15
The music called „Jazz“ came into existence as an exceedingly laconic description of black circumstances: and, as a way, by describing these circumstances, of overcoming them.
Mit Musik erzählten Schwarze in den USA ihre eigene Geschichte, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.
Musik ist unsere Zeugin und unsere Verbündete.17
Music is our witness, and our ally.
Als Baldwin 1951 in die Schweiz nach Leukerbad reiste, um seinen ersten Roman zu vollenden, hatte er im Gepäck eine Schreibmaschine und Schallplatten von Bessie Smith.13
Die Musik von Bessie Smith half Baldwin für seinen ersten Roman den richtigen Ton zu finden und war eine Hilfe seine Erinnerungen wachzurufen und seine Identität als Schwarzer zu akzeptieren.
It was Bessie Smith, through her Tone and her cadence, who helfen me to dick back to the way I myself must have spoken when I was a pickaninny, and to remember the things I had heard and seen and felt. I had buried them very deep. I had never listened to Bessie Smith in America (in same way that, for years, I would not Touch watermelon), but in Europe she helped to reconcile me being a „nigger.“18
Es war Bessie Smith, die mir durch ihren Tonfall und ihre Sprechweise geholfen hat, den Weg zurück zur Art und Weise, wie ich selbst gesprochen haben muss, als ich ein schwarzer Junge war, und zu den Dingen, die ich gehört und gesehen und gefühlt hatte. Ich hatte sie sehr tief vergraben. In Amerika hatte ich Bessie Smith nie gehört(…), aber in Europa half sie mir, mich damit zu versöhnen, ein <N***> zu sein.14
In dem Roman Ein anderes Land erwähnte Musiker, Musikerinnen und Songs
Bessie Smith wurde am 15. April 1894 in Chattanooga, Tennessee geboren und starb am 26. September 1937 bei einem Autounfall.
Bessie Smith wuchs in bitterarmen Verhältnissen auf. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern musste sie bereits als Kind zum Familieneinkommen beitragen.
Mit ihrer rauen Stimme und den frechen und sexuell offenen Texten wurde die Empress of the Blues in den 1920er Jahren die bestbezahlte Bluessängerin. Sie sang von der Liebe und den Schattenseiten ihres Lebens. Manche Lieder waren Eigenkompositionen. Begleitet wurde sie von namhaften Musikern, wie z.B. Louis Armstrong. Mit der Weltwirtschaftskrise endete ihre Karriere. Doch Anfang der 30er Jahre gelang ihr ein Comeback und näherte sich zu ihrem Karriereende dem Jazz an.
Bessie Smith wurde anonym beerdigt und erst 30 Jahre später spendeten ihre ehemalige Angestellte Juanita Green und die Sängerin Janis Joplin einen Grabstein mit der Aufschrift: The Greatest Blues Singer In The World Will Never Stop Singing – Bessie Smith – 1895–1937.
Billie Holiday coverte Songs von Bessie Smith und hat den Blues- und Jazz-Gesang entscheidend beeinflusst.
Die Gospel-Sängerin Mahalia Jackson, auch als Queen of Gospel bezeichnet, wurde am 26. Oktober1911 in New Orleans, Louisiana geboren, und starb am 27. Januar 1972. Auch sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Großeltern schufteten noch als Sklaven auf den Baumwollplantagen.
Mahalia Jackson sang Gospel, weil sie es als ihre Aufgabe sah, das Wort Gottes zu verbreiten. Sie hat es während ihrer gesamten Karriere abgelehnt, weltliche Musik aufzunehmen. Doch wurden ihre Platten auch in Jazzmagazinen besprochen. Auch in Europa begeisterte sie die Zuhörer, die sonst nichts mit Gospel anfangen konnten, mit ihrer kräftigen und dunklen Stimme und beeinflusste Sänger und Sängerinnen in der Popmusik. Als das Farbfernsehen 1967 startete, trat sie neben anderen Sängern und Sängerin im Deutschen Fernsehen auf.
Sie sang bei der Amtseinführung John F. Kennedys, bei dem Marsch auf Washington und bei Beerdigung Martin Luther Kings.
Obwohl die drei Frauen Jahrzehnte trennen, besitzen sie Gemeinsamkeiten. Es sind starke und selbstbewusste Frauen, die sich in einer von Weißen und Männern dominierten Gesellschaft durchsetzten. Vorbilder für viele Menschen und wahrscheinlich auch für James Baldwin. Solange sie auf der Bühne sangen, wurden sie verehrt. Beim Verlassen der Bühne litten sie direkt unter dem Rassismus des weißen Amerikas.
W.C.Handy wurde am 16. November 1873 in Florence, Alabama geboren und starb am 28. März 1958. Er war Trompeter, Bandleader und komponierte Blues-Hits. Handy ist nicht der Erfinder des Blues. Er sammelte die traditionelle Musik des Südens und von Straßenmusikern.
Durch ihn gelangte der Blues in den Mainstream und er gilt als der Vater des Blues. Sein 1912 veröffentlichter Memphis Blues gilt als Erstes überhaupt veröffentlichtes Bluesstück.
Mit der Popularität des Jazz wurden viele seiner Stücke zu Jazzstandard. Bessie Smith und Louis Armstrong machten seinen St.Louis Blues zu einem berühmten Bluesstück.
Charlie Parker wurde am 29. August 1920 in Kansas City, Kansas geboren und war ein Altsaxophonspieler. Er war bereits seit seiner Jugend von Drogen abhängig und führte ein Leben am Abgrund. Er starb mit nur 34 Jahren am 12. März 1955 in New York City.
Er gilt als Erneuerer des Jazz und prägte mit seinen Interpretationen entscheidend den Bebop. Dieser neue Jazzstil bildete die Grundlage für den Modern Jazz und löste den Swing als Hauptstilrichtung ab. Mit dem Bebop verabschiedete sich der Jazz als reine Unterhaltungsmusik. Anspruchsvolle, längere Soli und Improvisationen wurden zu Markenzeichen des Bebop. Charlie Parker spielte mit hoher Geschwindigkeit. Der Klang vermittelt das Gefühl von Hektik und doch enthielt sein Spiel harmonisch komplexe Strukturen. Für einige war der Bebop eine Reaktion auf den von „Weißen“ dominierten Swing.
Weil seine Spielweise so frei wie der Flug eines Vogels wirkte, hatte er den Spitznamen Bird. Einige seine Stücke beziehen sich auf Vögel: Yardbird, Ornithology.
Parker trat zum letzten Mal am 5. März 1955 in dem nach ihm benannten New Yorker Jazzclub Birdland auf.
Die Jazzrock-Formation Weather Report erinnert mit ihrem erfolgreichsten Stück Birdland an diesen Jazzclub.
12)Rene Aguigah. James Baldwin. Der Zeuge. Ein Porträt. Verlag C.H.Beck. München 2024. S. 181
13)ebenda S. 182
14)ebenda S. 182
15)ebenda S. 184
16)ebenda S. 181
17)ebenda S. 184
18)James Baldwin. Nobody knows my Name. Everyman’s Library. Alfred A.Knopf. New York. London. Toronto. 424.
The Discovery of What It Means to Be an American. S. 82
19) James Baldwin. The Cross of Redemption. Uncollected writings. Edited and with an Introduction by Randall Kenan. First Vintage International Edition, September 2011. From What ’s the Reason Why?: A Symposium by Best Selling Authors: James Baldwin on Another Country. S. 48
20)ebenda S. 48 ff.
21)ebenda S. 49
22)James Baldwin. The Cross of Redemption. Uncollected writings. Edited and with an Introduction by Randall Kenan. First Vintage International Edition, September 2011. Of the Sorrow Songs: The Cross of Redemption. S. 149
23)ebenda S. 153